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Urbanes Quartier mit bis zu 400 Wohnungen: So könnte das Wehrle Werk-Areal künftig aussehen

Mit der Insolvenz des Wehrle-Werks eröffnen sich für die Stadtentwicklung in zentraler Lage neue Chancen, um bezahlbaren Wohnraum schaffen zu können. Für die großen Innenstadtflächen soll eine neue Nutzungsperspektive entwickelt werden. Dazu wurde im Spätsommer 2025 das Stuttgarter Büro Pesch mit einer Untersuchung der städtebaulichen Rahmenbedingungen und der Erarbeitung erster planerischer Grundlagen beauftragt. Im Technischen Ausschuss wurden die Planungen gestern erstmals vorgestellt.

Im August letzten Jahres musste die Wehrle-Werk-AG Insolvenz anmelden. Die weitgehende Schließung des Werks und die Aufgabe der Betriebsflächen wurde in den darauffolgenden Monaten bekannt. Bislang hatte das 1860 gegründete und zu Hochzeiten weltweit operierende Unternehmen die städtebauliche Entwicklung am Standort maßgeblich mitbestimmt. Mit dem „Aus“ des Global Players eröffnen sich nun aber auf der rund 4,5 Hektar großen Fläche, insbesondere durch den teilweisen Abriss der großen Hallenstrukturen, weitreichende Möglichkeiten, für eine neuorientierte städtebauliche Entwicklung der Innenstadt. So will die Stadt in diesem Zuge mit künftigen Investoren und Projektträgern einen gemeinsamen Planungs- und Umsetzungsprozess erarbeiten. In der Sitzung des Technischen Ausschusses wurden die dafür notwendigen Beschlüsse getroffen, die vom Stadtrat am 24. Februar noch bestätigt werden müssen. Die jüngeren Planungsansätze, sprich der vom Wehrle Werk vorgelegte „Emmendinger Plan“ (2020) oder die darauf aufbauenden Vorentwürfe für den Bebauungsplan „Markgrafenstraße Nord“ (2024) sind jetzt nur noch Makulatur und werden nicht mehr weiterverfolgt. So wurde gestern der vorliegende Beschluss vom 16. November 2004 zur Aufstellung des Bebauungsplans „Areal Wehrle-Werk“ neu gefasst, die bestehende Vorkaufsrechtssatzung für das Gebiet „Innenstadt“ vom 4. Mai 2005 und der Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan „Markgrafenstraße Nord“ vom 27. Juni 2023 aufgehoben sowie ein besonderes Vorkaufsrecht für das Gebiet „Areal Wehrle-Werk“ beschlossen. Sämtliche Beschlüsse wurden einstimmig getroffen.

Auf der Grundlage einer gesamtstädtischen Einordnung des Wehrle-Werk-Areals in Bezug auf die übergeordnete Erschließung, Nutzungen, Freiraum sowie den möglichen und zu erwartenden Wechselbeziehungen zum Entwicklungsbereich Festplatz/Dietsche Areal wurden in einem ersten Arbeitsschritt Entwicklungsziele für die Kernstadt formuliert, die in einem städtebaulichen Leitbild dargestellt sind. Dieses sieht eine Gliederung des Quartiers in einen westlichen, an die Innenstadt angrenzenden Bereich mit dem Arbeitstitel „Altstadt +“ (Wohnen + ergänzende Nutzungen) und einen östlichen Abschnitt „Wohnen“ vor. Dabei sind die Anknüpfung an den Bestand, vorhandene Qualitäten und historische Spuren sowie die Offenlegung des Mühlbachs und die Integration von öffentlichem Parken angedacht. Auf dem Wehrle-Areal soll ein urbanes, kompaktes, durchmischtes Stadtquartier mit angemessener Dichte und qualitätsvoller Balance zwischen Urbanität und Wohnqualität entstehen. Im westlichen Teil ist eine Nutzungsmischung aus Büro, Dienstleistung, Kita und Sonderbausteinen (vorwiegend EG) sowie Wohnen (vorwiegend OG), im östlichen Bereich eine Kombination aus geschlossenen und offenen Strukturen in durchgrünten Wohnquartieren vorgesehen. Die grundlegende Gebäudehöhe im Westen soll bei vier bis fünf Geschossen liegen, im östlichen Bereich orientiert sie sich am Maßstab der umgebenden Wohnbebauung und liegt bei zwei bis vier Geschossen. Unterschiedliche Quartiere mit differenzierten Wohnangeboten und Wohnqualitäten sollen zur Deckung der zielgruppenspezifischen Bedarfe und einer ausgewogenen sozialen Mischung (u. a. Mehrfamilienhaus, Geschosswohnungsbau, Town-/Stadthaus in Miete/Eigentum) mit 350 bis zu 400 Wohneinheiten beitragen. Als Zielvorstellung wird dabei eine Sozialquote von 40 Prozent genannt. Auch alternative Trägermodelle wie Genossenschaften, Wohnbaugesellschaften oder individuelle Wohnformen (Baugruppen, Baugemeinschaften) erfahren dabei Berücksichtigung. Der Mühlbachkanal soll offengelegt werden.
Angedacht sind auch eine enge räumliche Verflechtung der öffentlichen Räume mit den wichtigen Wegeverbindungen und Stadträumen der Altstadt sowie die Entwicklung eines verkehrsarmen Quartiers, die Bündelung der Anliegerverkehre in Quartiersgaragen an der Hochburger Straße sowie die Planung eines sogenannten Mobilitätshubs (Hoch-/Tiefgarage) mit zirka 250 Stellplätzen, davon 100 bis 150 öffentliche Stellplätze. Die Besucherstellplätze sollen in der Quartiersgarage, entlang der Quartiersstraße oder am Bestandsparkplatz Mühlengäßle untergebracht werden. Der Radverkehr in allen Bereichen des Quartiers ist frei. Die Ergebnisse der vorliegenden städtebaulichen Analyse und Strukturplanung sollen Grundlage und Ausgangspunkt für den weiteren Entwicklungsprozess Areal-Wehrle-Werk sein und im Rahmen der darauffolgenden Planungsschritte weiterentwickelt, angepasst und ausgearbeitet werden. Angesichts der Größe des Entwicklungsgebietes, der zentralen Lage und der Bedeutung dieser städtebaulichen Entwicklung für die Gesamtstadt wird vom Stuttgarter Planungsbüro auch die Durchführung eines städtebaulichen Realisierungswettbewerbs durch die Stadt vorgeschlagen und gefordert. Auch die Bürger sollen frühzeitig und aktiv in den Planungsprozess eingebunden werden, schlagen die Planer ein moderiertes Dialogverfahren vor. „Wir sind jetzt am Anfang eines Prozesses. Jetzt gilt es in einem ersten Schritt die grobe Richtung festzulegen“, betonte OB Stefan Schlatterer. Bei einem Vorort-Termin vor der Sitzung nahmen das Gremium, der OB und die städtischen Bauexperten die aktuelle Situation gemeinsam mit den Vertretern des Stuttgarter Planungsbüros in Augenschein.
Text: Thomas Gaess
Plan: Pesch Partner Architektur Stadtplanung, Stadt Emmendingen
Den kompletten „Rahmenplan“ aus der Sitzung des Technischen Ausschusses am 10. Februar 2026 gibt es hier.