Ciao, Grande Signore! Oscar Guidone ist mit 82 Jahren verstorben
Der Liebe wegen zog Oscar Guidone in den 1960ern von Torre Annunziata nach Emmendingen. Als Stadtrat und Botschafter für Völkerverständigung wurde er dort zum bekanntesten Italiener der Stadt. An Aschermittwoch verstarb der „Grande Signore” im Alter von 82 Jahren.
Wer in den letzten Jahren den echten Oscar Guidone kennenlernen wollte, musste ins Freibad gehen. Noch im letzten Sommer traf man ihn dort jeden Morgen braungebrannt mit Schwimmhose, Sonnenbrille und Hut. Diszipliniert zog er im großen Becken seine Bahnen. In den Pausen unterhielt er sich außerdem eifrig mit den anderen Badegästen – mal über Kommunalpolitik und die Geschehnisse in der Stadt, mal über Fußball und die anderen schönen Dinge des Lebens.
Guidone betrachtete sich als Mann des Volkes. Er liebte es, selbst mittendrin zu sein. Den Schwimmmeistern spendierte er regelmäßig Pizza. Abends schlüpfte er in einen seiner modischen Anzüge und brachte seine Themen mit eigenem Charme im Gemeinderat mit ein. Kleine persönliche Anekdote: weil der Italiener öfter ein gelbes Jacket trug, ordnete ich ihn 2011 in meiner ersten Stadtratssitzung nicht den Freien Wählern sondern versehentlich der FDP zu. Oscar selbst sorgte mit einer liebevoll formulierten E-Mail für Klarheit.
Zuletzt wurde es still um Guidone. 2024 hatte er nach 25 Jahren als EU-Stadtrat aufgehört. Im Herbst 2025 wurde er schwer krank. Immer wieder musste er in die Klinik. Seinen Pasta-Verkauf zugunsten der BZ-Weihnachtsaktion verfolgte er nur vom Bett aus. Im neuen Jahr wurde es nicht besser. An Aschermittwoch starb Guidone. Noch am selben Tag gingen auf seinem Facebook-Portal “Torresi Nel Mondo” tausende Beileidsbekundungen ein. „Ciao Oscar!” steht seither oben auf dem Banner der Seite. Dahinter: ein Schwarz-Weiß-Bild des Verstorbenen.
Als Mittzwanziger war Oscar Guidone, der zeitweise bei einem italienischen Zweitligisten das Tor hütete und als Kleindarsteller sogar in Filmen mitspielte, im Jahr 1968 der Liebe wegen von Torre Annunziata in den Raum Emmendingen gezogen. Obwohl seine deutsche Ehefrau früh verstarb und es zu dieser Zeit auch Ressentiments gegen die sogenannten Gastarbeiter gab, blieb er in der Region. Parallel zu seinem beruflichen Alltag und der Familie verschrieb er sich seiner Lebensaufgabe: der Völkerverständigung.
Die Liste der Rollen, in die Guidone hierfür schlüpfte, ist endlos. Als Mitglied der Freien Wähler machte er im Stadtrat immer wieder auf die kleinen Dinge aufmerksam, die das Miteinander in der Stadt prägen. Zudem fungierte er im Gremium als Sprachrohr für alle Emmendinger mit Migrationshintergrund. Mit den Jahren entwickelte er sich zum Stimmenkönig. Abseits der politischen Bühne pflegte Guidone seine legendäre ET-Kolumne “Notizie Italiane”, trat als “Nikolaus International” auf, verkaufte Pasta für den guten Zweck und dekorierte mit seiner späteren Liebe Brigitte Zentis lange Jahre den Stockbrunnen weihnachtlich.
Bekannt wurde Guidone vor allem als Reiseleiter. Geschätzt 1.500 Menschen aus Emmendingen und der Umgebung nahmen an den von ihm alljährlich organisierten Bürgerreisen in seine Heimatstadt Torre Annunziata teil. Für seine Verdienste erhielt er im Sommer 2025 zurecht die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg. Sein Traum, dass die 40.000 Einwohner-Stadt unweit Neapels zur Partnergemeinde wird, erfüllte sich jedoch nicht.
Dass Guidone mit seiner Mentalität hier und da auch aneckte, gehört dazu. Wo gehobelt wird, fallen auch Späne. In der Stadt hat er tiefe Spuren hinterlassen. Er hat Emmendingen exakt jene Weltoffenheit vorgelebt, die sich die Große Kreisstadt auf die Fahnen schreibt. Und er hat eindrucksvoll gezeigt, dass Menschen zwei Heimaten in ihrem Herzen tragen können. Grazie, Oscar!
Text: Daniel Gorzalka / Bild: Archiv
