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Als „Hansili“ beim Emmendinger Umzug: ET-Redakteur zog sich Häs und Larve an

Seit 15 Jahren arbeitet Daniel Gorzalka als Redakteur beim Emmendinger Tor. Schon oft berichtete er über den Großen Fasnetsumzug in der Innenstadt. Am Sonntag wechselte der 43-jährige die Perspektive. Zum ersten Mal stülpte er sich ein Häs über und lief selbst bei der Parade mit.

 

Die Motivation

„‚Warum eigentlich nicht?‘ dachte ich Mitte Januar, als ich in unserer Zeitung vom „Schnupper-Komplett-Paket“ der „Hansele“ las. Mit einem geliehenen Häs beim Umzug mitzulaufen, hätte was. Einerseits wäre der Selbstversuch eines Reporters interessant für unsere Leser. Anderseits würde ich damit auch die Zunft unterstützen. Der 1938 vom damaligen Lehrer Fritz Kölsch ins Leben gerufene Geck ist eine Institution der Emmendinger Fasnet. Früher trugen Hunderte das in den Stadtfarben gestaltete Häs.

Ab den 2000ern nahm die Zahl der Mitglieder jedoch ab. Zeitweise war die Figur sogar vom Aussterben bedroht. Dann kam Petra Artech. Als Zunftmeisterin versammelte sie Mitstreiter um sich und hauchte den „Hansele“ neues Leben ein. Seither wächst die Zahl der Mitglieder merklich. Neu dazugekommen sind vor allem Eltern mit Kindern. „Wir wollen eine Familienzunft sein“, beschreibt sie das Selbstverständnis.

Mit ihrem „Schnupper-Komplett-Paket“ möchten die „Hansele“ das Gefühl vermitteln, wie es ist, bei einem Umzug mitzulaufen. Eine tolle Idee! Obwohl ich nicht aus einer Fasnets-Familie stamme, träumte ich als Kind immer davon, in einer Narrenzunft zu sein. Oft stellte ich mir vor, wie ich mit einer Larve beim Emmendinger Umzug mitmache. In meiner Fantasie spielte ich meinen Freunden und denjenigen Mädchen, in die ich heimlich verliebt war, dann Streiche.

 

Die Anprobe

Ende Januar rief ich bei Kassiererin Yvonne Jundt an. Nachdem sie sich mit der Vorstandschaft besprochen hatte, erhielt ich grünes Licht. Per WhatsApp schickte ich die Konfektionsgrößen durch. Eine Woche vor der Fasnacht fand ich mich dann im Garten bei Mitglied Jana Flamm zum Kennenlern-Grillen wieder. Außer mir hatten sich noch etwa 15 weitere Interessenten – darunter ausschließlich Familien – gemeldet. Nach einem Glühwein und einer Grillwurst ging es grüppchenweise zur Anprobe.

Petra Artech führte uns auf den Dachboden der Metzger-Gutjahr-Stiftung. Dort befindet sich der Fundus der „Hansele“. Da es früher viele Mitglieder gab, ist die Auswahl beträchtlich. Die Zunftmeisterin suchte für mich eine Jacke, eine Hose, einen Kragen, eine Rätsche, ein Paar Lederhandschuhe und eine Umhängetasche heraus. Mit der Social Media-Beauftragten Martina Springmann, die ebenfalls bei der Anprobe half, versorgte sie die weiteren Interessierten mit Kleidungsstücken, gab Tipps zum Anziehen und erklärte den Dresscode.

Zu einem richtigen Selbstversuch gehört auch eine Maske. Etwas schüchtern fragte ich Petra Artech, ob ich eine solche denn aufziehen dürfe. „Das ist bei einem Leih-Häs nicht üblich“, antwortete sie. Der Grund: mit einer Larve zu laufen, sei nicht ungefährlich. Man habe nur ein eingeschränktes Sichtfeld. In der Vergangenheit sei einer der Interessenten deswegen gestürzt. Danach habe man die kostspielige Maske ersetzen müssen. Ich ließ trotzdem nicht locker und bekam die Larve – allerdings gegen Kaution.

 

Die Aufstellung

Mit der Garnitur im Gepäck fuhr ich am Sonntag nach Emmendingen. In Mundingen legte ich einen Stopp bei meinen Eltern ein. Meine Mutter ersetzte noch schnell die porösen Gummizüge an den Bünden. Außerdem steckte ich Schokoriegel, Äpfel und Mandarinen in die Umhängetasche. Im Häs besuchte ich am Morgen den Narrengottesdienst in der St. Bonifatius-Kirche. Dabei erntete ich ungläubige Blicke. „Sidder wänn bisch dü bi de Hansili?“ fragten mich bestimmt zehn Leute. Ich erzählte ihnen von meinem Praxistest.

Als ich gegen 13.15 Uhr zur Aufstellung in die Neubronnstraße trottete, ging das so weiter. Den Treffpunkt erreichte ich pünktlich. Das Schild mit der Startnummer 14 befand sich noch vor der Markgrafenschule. Etwas überrascht war ich, dass mit Vize-Zunftmeister Dominik Böhme erst ein „Hansele“ wartete. Das Zwiegespräch hatte einen Vorteil: er gab mir wichtige Tipps. „Wenn Du eine Larve trägst, siehst du nicht, was direkt unter dir passiert – wenn es komisch wird, bleib einfach stehen, warte kurz und orientiere dich erstmal“, erklärte er.

Dominik sollte recht behalten. Nachdem die anderen 43 Hansele eingetroffen waren und alle noch kurz für ein Gruppenfoto posiert hatten, zog mir Petra Artech die Maske über. Das Ding saß wie angegossen, aber in meinem Sichtfeld fehlt der untere Bereich. Ich lief vorsichtig los, übersah jedoch sofort eines der vielen Kinder. Auch den Wagen, in dem sich das Konfetti und die Gutsele befanden, nahm ich erst überhaupt nicht wahr. Um erkennen, was direkt unter einem ist, genügte es nicht, nur die Augen zu bewegen. Man musste schon mit der ganzen Larve gucken.

 

Der Umzug

Ein milder Erdbeerschnaps, der mit gereicht wurde, riss mich aus diesen Überlegungen. Zum Glück, dachte ich, mache ich diese Aktion bei einer Familienzunft. Dann ging es los. Vorne liefen die Kinder sowie die maskenlosen Mamas und Papas. Den zweiten Block bildeten die erwachsenen Larventräger, zu denen ich zählte. Mittendrin koordinierte Petra Artech das kollektive „Rätschen“. Wichtig für mich: Schriftführerin Elke Hierholzer hielt konsequent die letzte Position. Mit ihrem „Rätsche-Wagen“ war sie immer gut hörbar.

Akustisch orientieren konnte ich mich zudem an der Stadtmusik, die direkt hinter uns lief. Nach den ersten zaghaften Schritten gewann ich an Sicherheit. In der Oberen Markgrafenstraße standen die Besucher noch nicht so dicht nebeneinander. An einem Gruppe Senioren testete ich meine „Ajo“-Skills. Die gutgelaunten Omis stiegen sofort darauf ein. Dafür verschonte ich ihre sündhaft teuren Dauerwellen vom Konfetti und überreichte ihnen Schokoriegel.

Ab der Romaneistraße kam ich in einen Flow. Ich bewegte mich dauerhaft im Takt des „Narrenmarsch“, der zum x-ten Mal hinter mir ertönte, und betätigte die Rätsche, wenn die Zunftmeisterin das Signal gab. Dazwischen animierte ich das Publikum mit Handbewegungen zum „Ajo“ und pickte mir einzelne Besucher heraus. Süße Kinder erhielten das Obst – übrigens sehr zur Freude der Eltern. Freche Teenies sowie Bekannte rieb ich zärtlich mit Konfetti ein.

Die Mischung aus Gruppendynamik und Interaktion mit dem Publikum verwischte das Zeitgefühl. Ich lebte von einem Moment in den nächsten. Faszinierend fand ich die direkte Begegnung zwischen mir als maskiertem Hästräger und den Besuchern. Es waren Sekunden, über die man Bücher schreiben könnte. Für mich war es das, was von dem Perspektivwechsel am meisten hängen blieb. Ich wollte dieses Feld eigentlich tiefer ergründen. Doch schon näherte sich von hinten der Narrenmarsch. Es musste weitergehen.

Im Ziel angekommen zog ich die Maske runter und atmete durch. Langsam verwandelte ich mich zurück in mein altes Ich. Wie lange der Umzug gedauert hat, konnte ich nicht sagen. War es eine halbe Stunde? Waren es zwei? „Es waren etwa 45 Minuten“ klärte mich Petra Artech auf. Vielen Dank, liebe Hansele!“

Text: Daniel Gorzalka / Fotos: Emmendinger Hansele

Wer bei der Zunft ebenfalls schnuppern möchte: info@em-hansele.de