WZO

Besuch beim Gnadenhöfle

Paradies für 150 Tiere, die hier krank, angeschlagen oder dem Tod entronnen, glücklich sind

Müllheim-Dattingen. Charly ist wieder gut drauf. Eigentlich wie immer, denn er lebt auf dem „Gnadenhöfle“. Der Hahn wacht mit zwei Kollegen über ein gutes Dutzend Hühner, und kräht den ganzen Tag vergnügt die Konkurrenz an – denn die kommt ihm nicht zu nahe. Hähne krähen nicht nur morgens und abends, klärt Patrick Ohme auf, er und Rebecca Benz gründeten die besondere Heimstatt für Tiere.

Ohmes Wissen über Tiere und ihre Haltung ist immens. Nur mit den Namen der Hühner hat er es nicht so. „Mal Rebecca fragen“, schmunzelt der Betriebsleiter des Lebenshofes. Benz ist die Vorsitzende des Vereins Gnadenhöfle. Von der ersten Niederlassung in Schliengen ging es 2019 auf den idyllisch gelegenen, früheren Reiterhof nahe Dattingen. Der Gnadenhof sei keine Station. Wer hierherkomme, bleibe für immer, so die Philosophie. Über fünf Hektar groß, gibt es immer was zu tun, und jeden Samstag ist Schaffen angesagt. Zusammen mit den Betreibern packen über dreißig Mitglieder an. Für viele ist es ein Abschalten vom Beruf, ein eher leichtes Unterfangen, dafür sorgt die Weitläufigkeit inmitten herrlich grüner Natur. Es ist ein kleines Paradies für 150 Tiere, die hier krank, angeschlagen oder dem Tod entronnen, ihren Lebensabend verbringen dürfen. Was das Ganze familiär macht, ist, dass jedes Tier einen Namen hat oder bei der Ankunft bekommt. Charly gehört zu jenen, die recht aktiv sind. Es gebe zwei Hühnervölker mit je drei Hähnen, so Ohme. Sie leben auf Abstand und die Herren kommunizieren eben gern. Manche stammen von einer Farm in Heitersheim. Wenn die „Wirtschaftlichkeit“ eines Eier legenden Huhns vorbei sei, werden sie geschlachtet und verarbeitet. Oder sie kommen … mit Glück auf den Gnadenhof. Sofern Plätze frei sind. „Wir arbeiten gut zusammen“, so Ohme. Überall zeigt sich beim Rundgang die Pflege. Ein nagelneues Taubenhaus sticht heraus, doch das schöne Domizil wird verschmäht. „Das finden unsere Tauben nicht so toll“. Auch das gibt es. Ein Hahn kräht. Womöglich hält er gerade Charly vom unteren Hof auf dem Laufenden. Ein paar Meter weiter beäugt Pute Trude die Besucher. Sie kam mit Rosa und Heinz, weil sich menschliche Nachbarn gestört fühlten. Selbstredend kennen die Bewohner die Kräfte, die sich hier täglich kümmern. Rebecca Benz hat eigentlich Urlaub. Undenkbar, dem Hof fernzubleiben. Sie wie ihr Partner haben normale Jobs, beginnen den Tag sehr früh, um am Nachmittag ihre zweite Schicht anzutreten. Außer an zwei Tagen im Monat, da werden private Dinge erledigt. Carl, der Truthahn, hat grad nichts privat zu erledigen. Er hat ein eigenes Gehege und sei in „Einzelhaft“, scherzt Ohme, denn die Artgenossen seien noch zu klein und das würde nicht passen. Das Federvieh sei stets Thema bei Besuchern, denen man ein Gesicht zum Lebensmittel geben wolle. Als Denkanstoß. Dann geht’s den Hügel hoch zu den Pferden. Zwei Exemplare stehen separat und scheinbar einsam im dunklen Stall. „Die chillen“, meint Ohme, um zu erläutern, Pferde seien kleine Nachteulen. Mit der Dämmerung werden sie aktiv, und am Tag stehen sie „einsam“ im Stall, was sich mit Ruhephase übersetzt. Weitere Pferde, Esel und ein Muli bevölkern im Freien die überdachte Futterkrippe. Ein Muli sei kein Maultier, klärt der Chef auf, um mit gentechnischen Unterschieden aufzuwarten. Überall zeigt sich frisches Grün, und die lange Winterpause wurde gut genutzt. Der Hof grenzt an einen Hügel, Teil des Areals, und oben trifft man auf die Freiflächen für den Auslauf der Huftiere. Sämtliche Umzäunungen wurden angebracht und alle Wege neu ausgestattet. Gummiraster sind mit Erdreich aufgefüllt, um festen Boden zu bieten. Nicht, dass Matsch den Hufen schade, aber es falle zeitintensive Reinigung an. Nebenbei lässt sich hier ein herrlicher Blick auf den Hochblauen mitnehmen. Unten indes werden gerade andere größere Bewohner verwöhnt. Auch Kühen gilt die Gnade der Einrichtung. Eine Helferin bürstet Felle aus, von Ohme mit „Wellness“ kommentiert. Er packt einen massigen schwarzen Stier sanft bei den Hörnern, der sich jedoch als Kuh entpuppt. Kühe ohne Hörner seien das Resultat einer gezielten Züchtung. Worüber Ohme ebenfalls spricht, ist das Thema, wie sich der Gnadenhof finanziere. Neben sporadischen Spenden setze man im Prinzip auf eine einfache wie wirksame Methode: Mit fünf Euro im Monat leisten viele „Paten“ einen wertvollen Beitrag, denn es komme eine Art Grundeinkommen zustande. Fünf Euro könne fast jeder entbehren, weiß Ohme, höhere Beträge werden eher gekündigt. „Ein Fünfer bleibt“. Gesucht werden Helfer, die unter Woche Zeit haben. Ines Bode

Besuchszeiten unter: https://gnadenhoefle.de