Speicherung und Flexibilität als Schlüssel
Ettenheim (ks). Unser Mitarbeiter Klaus Schade sprach mit Jörg Bold von der Bürgerenergiegenossenschaft Ettenheim.Herr Bold, Situationsbeschreibung: Sonntagnachmittag, erst unlängst. Ich bin mit meiner Frau auf dem Fahrrad unterwegs Richtung Rhein. Strammer Gegenwind bläst uns entgegen. Beim Blick zurück Richtung Schwarzwald: Die Windräder stehen still, trotz Wind. Nicht die erste derartige Feststellung. Ist etwas an den Windrädern kaputt? Nein, es ist nichts kaputt. Bisweilen müssen die Windräder gewartet werden und dabei abgeschaltet werden. Aber am Sonntagnachmittag ist das eher unwahrscheinlich.
Woran liegt es dann? In dem von Ihnen genannten Fall liegt die Ursache für den Stillstand eher darin, dass hinter dieser Abschaltung ein „Herunterregeln“ der Stromerzeugung steckt.
Herunterregeln? Was der Laie darunter zu verstehen? Dass eben die Stromproduktion von Windrädern heruntergefahren, sogar abgeschaltet wird. Nehmen wir Ihr angesprochenes Beispiel. Sonntag, Wochenenden überhaupt: deutlich weniger Strombedarf. Und wenn durch Sonne (bei Solaranlagen) oder Wind viel Strom produziert wird, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, werden diese Stromquellen halt abgeschaltet. In solch einer Situation müssten die Stromanbieter sogar noch Geld bezahlen, dass ihnen jemand den Strom abnimmt.
Kann man den Anteil des durch Wind und Sonne erzeugten Stroms, der auf diese Weise „verschenkt“ wird, also ungenutzt bleibt, hochrechnen? Ja, auf das ganze Jahr und ganz Deutschland gerechnet, sind es etwa 4 Prozent der Strommengen, die aus Sonne und Wind erzeugt werden. Das ist zwar nicht riesig, aber ärgerlich. Weil es uns in Deutschland nicht gelingt, den Strom zu nutzen, wenn er anfällt, oder ihn zu speichern. Aber statt in die weitere Entwicklung von leistungsfähigen Batterie-Speichern zu investieren (die Speicher-Entwicklung geht unglaublich schnell voran), legt die aktuelle Regierung ihren Schwerpunkt auf den Bau von Gaskraftwerken, die hoch subventioniert werden müssen.
Wer die regelmäßig erscheinenden Verlautbarungen Ihrer Ettenheimer Energiegenossenschaft liest, findet da einen weiteren Wegweiser in Richtung sinnvoller Energienutzung aus Solar- und Windkraft. Flexibilisierung heißt das Zauberwort. Was hat man darunter zu verstehen? Das bedeutet, dass wir als Stromnutzer flexibler sein sollten, was beispielsweise das Laden unseres E-Autos an der eigenen Wallbox oder an den öffentlichen Ladesäulen betrifft. Dies eben nicht in Zeiten zu tun, in denen der Strombedarf flächendeckend hoch und der Strom entsprechend teuer ist, sondern dann, wenn der Strom deutlich preisgünstiger ist. Das derzeitige Tankverhalten der Besitzer von Verbrennerautos beweist ja deutlich, dass die Menschen auf den Preis achten. Um es an einem konkreten Beispiel deutlich zu machen: Könnte ein E-Auto mittags bei entsprechendem Wetter für zehn Cents pro KWh geladen werden, entstehen 2 Euro Kosten für 100 Kilometer Autofahrt – statt rund 12 Euro bei einem Verbrenner. Diejenigen, die bereits eine Solaranlage auf dem Dach haben und den Strom zum Tanken nutzen, sind bereits in dieser komfortablen Situtation.
Eine Menge Idealvorstellungen… Wie versuchen Sie, die Politiker von diesen plausibel erscheinenden Lösungsansätzen zu überzeugen? Obwohl es einen breiten Konsens gibt, dass Speicher und Flexibilisierung die entscheidenden nächsten Schritte sind, spiegelt sich das leider nicht den Gesetzentwürfen wider, die aus dem Wirtschaftsministerium vorgelegt wurden. Der Fokus liegt vielmehr zu stark auf dem Ausbau von Gaskraftwerken und der Reduzierung des Ausbaus von Solar- und Windenergie. Es macht aber wenig Sinn, mittags günstigen Wind- und Solarstrom abzuregeln, um wenige Stunden später ein hochsubventioniertes Gaskraftwerk anlaufen zu lassen. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, den vorhandenen erneuerbaren Strom besser direkt zu nutzen oder zu speichern.
Wie zuversichtlich sind Sie? Haben Sie eine Vision, bis wann ich mit meiner Frau im Gegenwind Richtung Rhein radle und sich, beim Zurückblicken auf die Schwarzwaldvorberge, dann tatsächlich die Windräder drehen? Meine Vision wäre, dass Ihre Frau dann sagt: „Klaus, wir müssen schnell zurück nach Hause, um sehr günstig unser Auto mit sauberem Strom zu laden, damit die Windenergieanlagen wieder angeschaltet werden können.“
Die Ettenheimer Bürgerenergiegenossenschaft wurde 2011 gegründet. Mitglieder: über 380, die überwiegend in Ettenheim wohnen. Vorstände: Jörg Bold, Christian Ringwald und Armin Geppert. Die Bürgerenergie ist beteiligt an dem aus sieben Windenergieanlagen bestehenden Bürgerwindpark Südliche Ortenau und Eigentümer einer Windenergieanlage beim Windpark Schnürbuck, der aus drei Anlagen besteht. Beide Windparks liefern im Jahr mehr als 70 Millionen kWh Strom. Zusätzlich betreibt die Genossenschaft mehr als zwölf Photovoltaikanlagen in Ettenheim.
