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Felsen in der Brandung gesucht: Fünf Langzeit-Schützlinge aus dem Tierheim warten auf ein neues Zuhause

Sie sind stark, sensibel oder skeptisch – und warten schon seit Jahren auf ein neues Zuhause: Haley, Luxio, Gohan, Arthur und Sindy aus dem Tierheim Emmendingen. Warum die fünf Hunde so lange in der Einrichtung sind, wie sie ticken und was sich das Team von ihren künftigen Besitzern erhofft.

Das Tierheim am Elzdamm an einem normalen Donnerstagmorgen. Hinter dem silbernen Metalltor mit dem kunterbunten Graffiti-Gemälde wird man von einem freundlichen Bellen begrüßt. In einem der Zwinger klackern Krallenspitzen über den Beton. Neugierig steckt ein kräftiger Rüde seine Nase durchs Gitter und observiert die neuen Besucher genau. Er ist einer von 40 bis 50 Hunden, die üblicherweise in der Einrichtung leben. Der Vierbeiner ist freundlich und familientauglich. Damit gehört er zur unproblematischen Mehrheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass er demnächst weitervermittelt wird, ist hoch.

Elf anspruchsvolle Kandidaten
„Für die unkomplizierten Familienhunde finden wir oft in vier bis sechs Wochen ein gutes Zuhause“, erklärt Natascha Rieger, die den Tierschutzverein Emmendingen als Vorsitzende seit mittlerweile 13 Jahren leitet. Dasselbe gelte für alte und schwache Vierbeiner, die so viel Mitleid auslösen, dass sich immer jemand findet, der sie aufnimmt. Anders sei die Situation jedoch bei den Langzeit-Schützlingen. Hier sei die Vermittlung komplexer. Sie bräuchten ruhige, verlässliche Menschen, die bereit sind, mit ihnen zu arbeiten. „Eben echte Felsen in der Brandung“, so Rieger.

Im Tierheim Emmendingen warten aktuell elf anspruchsvollere Hunde auf ein neues Zuhause. Teils sind sie schon seit Jahren im Tierheim. Warum müssen sie so lange warten? „Weil sie besondere Hintergründe mitbringen“, erläutert die Kaufmännische Leiterin Nicole Grafmüller. Gemeint seien das territoriale Verhalten, das Temperament und auch die eigenen Unsicherheiten. Um damit umzugehen, brauche es Frauchen oder Herrchen, die Erfahrung, Geduld und Struktur mitbringen. „Die passenden Lebensumstände sind entscheidend. Wenn regelmäßig Enkelkinder zu Besuch sind oder die Anfahrt zu weit ist, lässt sich das notwendige wiederholte Kennenlernen kaum organisieren.“, sagt sie.

 

Einer dieser Langzeit-Schützlinge ist die Hündin „Haley“. Geboren wurde sie 2021. Mit zwei Jahren hatten Passanten die American Staffordshire Terrierdame am Baggersee in Herbolzheim angebunden gefunden. Einige Monate behielten sie die Hündin, dann wurde sie offiziell als Fundhund ins Tierheim gegeben. „Haley ist bildschön, athletisch und voller Energie – wie ein doppelter Espresso“, findet Nicole Grafmüller. Sie brauche jedoch ihre Ruhepausen. Der Trubel im Tierheim setze ihr zu und mache sie nervös. „Bei vertrauten Menschen ist sie freundlich und kooperativ“, so die Kaufmännische Leiterin. Den Wesenstest habe sie bestanden. Für sie suche man eine einzelne, gelassene Bezugsperson in ruhigem Umfeld, die klare Strukturen gibt und mit ihr zur inneren Balance findet.

 

Schon länger in der Einrichtung ist „Luxio“. Der elfjährige Malamut-Mix war 2020 über ein befreundetes Tierheim aus Frankreich nach Emmendingen gekommen. „Luxio“ ist ein beeindruckender Nordländer mit Ruhe und Selbstbewusstsein. „Wer ihn nicht führt, wird geführt – so sieht er die Welt“, beschreibt ihn Natascha Rieger. „Luxio“ sei territorial und kenne den Maulkorb – nicht aufgrund von Auflagen, sondern als sinnvolles Trainings- und Sicherheitswerkzeug. Er schätze klare Grenzen, mag aber zum Beispiel nicht abgetrocknet werden. In erfahrenen Händen sei er ein souveräner Begleiter mit beeindruckendem Format.

 

Seit sechs Jahren lebt auch „Gohan“ im Tierheim. Der Mischling mit Labrador-Anteil wurde 2017 geboren. Fremde muss er langsam kennenlernen. „Nach ein paar Treffen taut er auf und zeigt seine sanfte Seite – dann lässt er Nähe zu“, sagt Nicole Grafmüller. Medizinische Checks seien problemlos. Dazu gebe es immer mal wieder ein Küsschen. Draußen neige er zur Überdrehtheit, im Tierheim ziehe er sich oft zurück. „Manchmal mag er gar nicht aufstehen – der Tierheimstress macht ihm zu schaffen“, sagt sie. Gohan habe nie gebissen. Für geduldige Menschen in ruhigem Zuhause sei er eine Chance.

 

Der Border-Collie-Mix „Arthur“ erblickte 2021 das Licht der Welt und wurde Anfang 2022 vom Tierheim Emmendingen übernommen. Er lebt auf einer Pflegestelle bei der Stellvertretenden Vorsitzenden Bettina Schüssler und führt dort ein ganz normales Hundeleben. „Arthur hat in der frühen Sozialisation einiges verpasst und begegnet Neuem skeptisch“, sagt Natascha Rieger. Werde er bedrängt, bitte er deutlich um Abstand – erst mit Knurren, notfalls mit einem kleinen Schnapper. Mit Management, Rückzugsorten und belohnungsbasierter Arbeit zeige der kluge Hütehund-Mix, wie kooperativ er sein kann.

 

 

Die sechsjährige Rottweiler-Hündin „Sindy“ wurde im März 2025 im Tierheim abgegeben. „Sindy liebt ihre Menschen – und passt auf sie auf“, sagt Rieger. Bewegungsreize wie rennende Kinder oder Bälle seien Stress für sie. Deshalb eigne sie sich nicht als Hund für Familien mit Kindern. Als Einzelhund und mit klaren Strukturen zeige sie sich im Alltag gut händelbar. Regelmäßig laufe sie mit einer erfahrenen Ehrenamtlichen. Gesucht seien daher rottweilererfahrene Halter, die „Sindys“ Wachsamkeit lenken und ihr Sicherheit geben.

Wie läuft eine Vermittlung ab?
„Bei unseren Langzeit-Schützlingen gibt es kein Speed-Dating, sondern ein Kennenlernen mit Plan“, sagt Grafmüller. Zuerst spreche man am Telefon über Lebensumstände und Erwartungen. Dann lade man zu einem unverbindlichen Besuch ein. Ein Pfleger oder eine enge Ehrenamtliche stelle den Hund vor „und zwar ehrlich und ohne Schönfärberei“. Dann organisiere man mehrere Treffen, gemeinsame Spaziergänge und kleine Alltagssituationen. Wenn es passt, finde ein Probewohnen statt – oft über ein Wochenende. „Klappt es nicht, gibt’s eine Hund-zurück-Garantie und wir starten gemeinsam neu“, so Grafmüller.
„Wir sind lieber übervorsichtig als leichtsinnig“, ergänzt Natascha Rieger. Auch nach der Vermittlung biete sie das Tierheim eine enge Begleitung an – sowohl telefonisch als auch – wenn nötig – vor Ort. Darum suche man vorrangig Interessenten aus Emmendingen und Umgebung. Voraussetzung für die Vermittlung seien ein bestandenes Wesenstest und ein gut aufgebautes Maulkorb-Training als Sicherheitsroutine. „Wir suchen keine Helden auf Mitleidsmission“, fasst Rieger zusammen. „Wir suchen ruhige, verlässliche Persönlichkeiten aus der Region, die Zeit mitbringen und Lust haben, mit einem besonderen Hund zusammenzuwachsen.“
Interessant: bei den rund 350 Katzen, die jährlich nach Emmendingen ins Tierheim kommen gibt es kaum „Langzeitler“. „Mit medizinischer Versorgung und Ruhe werden manche überraschend zahm – plötzlich hat man Schmuser, wo man nie damit gerechnet hätte“, sagen die beiden. Ähnlich schnell finden auch die 70 aufgenommenen Nager ein Zuhause. „Da erleben wir enorm engagierte Halterinnen und Halter. Was viele in artgerechte Haltung investieren, ist beeindruckend.“

Tag der offenen Tür
Wer Haley, Luxio, Gohan, Arthur, Sindy und die weiteren Langzeit-Schützlinge näher kennenlernen möchte, sollte den Tag der offenen Tür des Tierheims am 27. September besuchen. Von 11 bis 18 Uhr stellen die Vereinsmitglieder sich und ihre Arbeit vor. Dabei legen sie das Augenmerk nochmal gesondert auf die elf anspruchsvolleren Kandidaten. Flankiert wird der Tag von Infoständen, Beratungsangeboten, einer Tombola sowie Aktionen für Kinder und Jugendliche. Und natürlich wird für das leibliche Wohl gesorgt.
„Kommen Sie vorbei, lernen Sie uns und unsere Arbeit kennen – und in ruhigem Rahmen auch einige unserer Langzeit-Schützlinge“, lädt Grafmüller ein. Ein weiteres Thema werde ebenfalls offen angesprochen: das Haus selbst. „Unser Tierheim ist in die Jahre gekommen. Renovierungen sind überfällig – aber ein solcher Schritt muss geplant, finanziert und getragen werden“, sagt Rieger.

Text: Daniel Gorzalka / Fotos: Tierheim (Hunde) und Daniel Gorzalka